Arbeitsplatz Ganztagsschule - Im Gespräch

Diana Richter, Jürgen Noth, Dagmar Schach
Ein Interview mit einer Lehrerin aus einer Thüringer Gemeinschaftsschule in Altenburg, einer Erzieherin aus einer offenen Grundschule in Erfurt und einem Lehrer aus einem teilgebundenen Gymnasium zum Monatsthema März des Bundesprogramm "Arbeitsplatz Ganztagsschule".

Das Thema des Monats März des Bundesprogramms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ beschäftigt sich mit dem Thema „Arbeitsplatz Ganztagsschule“. Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wandelt sich die Arbeit in der Ganztagsschule: Eine neue Lernkultur, ein sich wandelndes Schulklima und die Arbeit in einem multiprofessionellen Team aus Lehrkräften und außerschulischen Partnern werfen neue Fragen rund um Gestaltungsspielräume, Rahmenbedingungen und Voraussetzungen am Arbeitsplatz in der Ganztagsschule auf.

 

Wie sieht die tagtägliche Arbeit an einer Ganztagsschule aus? Welche Auswirkungen hat der Ganztag auf das Berufsbild von Lehrkräften? Wie gestaltet sich die Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern?

 

Die freie Journalistin Beate Köhne hat hierzu eine Lehrerin aus einer Thüringer Gemeinschaftsschule in Altenburg, eine Erzieherin aus einer offenen Grundschule in Erfurt und einen Lehrer aus einem teilgebundenen Gymnasium in einem Interview in den Räumen der Thüringer Serviceagentur befragt.

 

Die Serviceagentur lädt Sie herzlich dazu ein, das Interview zum Thema Arbeitsplatz Ganztagsschule zu lesen und bei einer der nächsten Gelegenheiten darüber mit uns ins Gespräch zu kommen. Sie können das Interview zudem auf dem Bundesportal „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ unter http://www.ganztaegig-lernen.de/schule-bis-16-uhr-waere-ein-traum nachlesen sowie in der aktuellen Ausgabe der „bildungSPEZIAL“.
 


 

"Schule bis 16 Uhr wäre ein Traum"

 

Wie sieht die Arbeit an einer Ganztagsschule konkret aus? Haben Lehrkräfte einen größeren methodischen Gestaltungsspielraum? Muss man wirklich länger arbeiten? Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Professionen? Verändert sich die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern oder zu den Eltern? Eine Lehrerin, eine Erzieherin und ein Lehrer aus Thüringen berichten über Präsenzzeiten, Logbücher und Hausaufgaben.

 

Diana Richter ist eine von 13 Erzieherinnen an der Moritzschule in Erfurt. Von den 257 Schülerinnen und Schülern der Grundschule nutzen 236 das offene Ganztagsangebot.

 

Jürgen Noth ist Lehrer am Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasium in Meuselwitz und engagiert sich dort in der AG Ganztagsschule. Das Gymnasium begann 2007 mit dem offenen Ganztag, seit dem Schuljahr 2010/2011 werden die fünften und sechsten Klassen im gebundenen Ganztag unterrichtet.

 

Dagmar Schach ist Lehrerin an einer jungen Gemeinschaftsschule, der Erich-Mäder-Schule in Altenburg. Im Schuljahr 2012/13 wurde hier in den Klassen fünf und sechs der gebundene Ganztag eingeführt.

 

Viele Lehrerinnen und Lehrer fürchten die längeren Präsenzzeiten an Ganztagsschulen. Was sagen Sie denen?

 

NOTH: Ich glaube nicht, dass die Präsenszeiten an Ganztagsschulen wirklich immer länger sind als an einer Halbtagsschule. An unserem Gymnasium müssen wir um 15.10 Uhr Schluss machen. Dann fährt der letzte Bus in die umliegenden Dörfer. Die Zeit, die ich als Lehrer in der Schule verbringe, hat sich seit dem Start unseres Ganztagsangebots 2007 nur unwesentlich verändert, das Lernen aber ganz wesentlich. Schule bis 16 Uhr wäre ein Traum! Aber das können wir leider personell und materiell nicht leisten.
SCHACH: Ich verbringe schon mehr Zeit in der Schule als früher. Aber ich bekomme alles, was ich investiere, von den Schülern doppelt und dreifach zurück. Die Rolle des Lehrers verändert sich im Ganztag. Man ist nicht mehr nur diejenige, die den Stoff vermittelt, sondern bekommt ein ganz anderes Verhältnis zu den Kindern. Dazu gibt es im ganztägigen Unterricht Raum und Zeit, sei das nun in der morgendlichen Ankunftszeit, beim gemeinsamen Mittagessen oder in der Lernzeit. Davon profitiere ich ganz persönlich, und deswegen gucke ich auch nicht immer auf die Uhr. Aber natürlich gibt es Kolleginnen und Kollegen, die auf ihre festen Stundenzahlen pochen.
RICHTER: Bei uns im Hort arbeitet zurzeit eine Kollegin als Erzieherin, die auf ihr Referendariat wartet. Die sagte neulich, das könne sie eigentlich allen Lehrkräften nur empfehlen, um den Tunnelblick zu vermeiden. Außerhalb des Unterrichts bekommt man einen ganz anderen Kontakt zu den Kindern, das ist viel familiärer. Als Erzieherin bin ich ja so eine Art von „Ersatzmutti“. Die Kinder umarmen mich, und wenn man in die Klasse kommt, dann strahlen sie und kommen auf einen zugesprungen. Das passiert Lehrern ja normalerweise selten, da gibt es eine andere Hemmschwelle.
SCHACH: Ja, wer offen ist, etwas auszuprobieren und sich auf den Prozess einzulassen, der kann die Erfahrung machen, dass er selber profitiert und dass es eine Win-Win-Situation ist.
NOTH: Bei uns haben eigentlich alle Kolleginnen und Kollegen, die sich früher bereits für neue Projekte, Ideen und Lernformen interessiert haben, wenig Probleme mit dem Ganztag.

 

Herr Noth, Sie sagten, der Ganztag verändere das Lernen ganz wesentlich. Was heißt das genau?

 

NOTH: Wir haben den gesamten Tagesablauf geändert. Es gibt jetzt Doppelstunden, und das führt zu komplett anderen Lernbedingungen. Wir können ganz andere Methoden nutzen, es gibt Zeit für Gruppenarbeit und auch für Projektarbeit.
SCHACH: Freiarbeit braucht einfach mehr Zeit. Auch wir haben als erstes die 45-Minuten-Taktung aufgehoben, und der Blockunterricht führt ganz automatisch zu einem veränderten Angebot. Als Lehrer kann und muss ich mir andere Aktivitäten überlegen, um den Unterricht attraktiv zu gestalten. Bei den Schülerinnen und Schülern kommt das sehr gut an. Gerade die Blockstunden werden in der Evaluation immer positiv erwähnt. Auch Eltern sprechen einen an und sagen, so etwas hätten sie gern auch in ihrer eigenen Schulzeit erlebt.
NOTH: Der Ganztag bietet außerdem die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler gemeinsam miteinander und auch voneinander lernen. Hausaufgaben haben wir abgeschafft. Die Kinder erledigen alle Aufgaben in der Schule, und bestimmen selber, was sie wann angehen. Sie arbeiten so viel eigenständiger. Da sitzt nicht mehr jeder an seinem Platz und lernt allein vor sich hin. Die Schüler suchen sich Gruppen. Bei uns haben alle sechs Ganztagsklassen zur selben Zeit ihre Lernzeitstunden. Deswegen können sie auch mal zu einem Mathematiklehrer nach nebenan gehen, wenn in ihrem Raum gerade ein Englischlehrer sitzt. Für die Fachlehrer ist die Lernzeit auch eine Chance, die Schülerinnen und Schüler besser kennen zu lernen.
Wie ist die Lernzeit bei Ihnen im offenen Ganztag organisiert?
RICHTER: Bei uns an der Grundschule betreuen Lehrer und Erzieher gemeinsam einmal in der Woche die Lernzeit. Hier haben wir die Möglichkeit, uns über die Lernfortschritte der Kinder auszutauschen und gemeinsame Projekte zu verwirklichen. Diese Zeit ist bei uns fest geregelt, und das ist auch wichtig für die optimale Förderung der Kinder.

 

Von Erziehern hört man manchmal, dass sie von Lehrern nicht gleichberechtigt behandelt werden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

 

RICHTER: Bei uns ist das eine sehr partnerschaftliche Arbeit. Die Lehrerin, mit der ich ein Team bilde, und ich teilen viele Ansichten. An unserer Schule wird sehr darauf geachtet, dass sich jeder Lehrer mit seinem Erzieher gut versteht. Wenn ich mich mit Lehrern unterhalte, sind die dankbar für jeden Hinweis. Umgekehrt gilt natürlich dasselbe. Deswegen sind feste Teamzeiten auch so wichtig. Die sind bei uns angedacht und wir würden uns die sehr wünschen. Aktuell finden die Absprachen oft zwischen Tür und Angel während der Abgabe der Kinder statt. Aber wir fahren auch gemeinsam zu Wandertagen oder auf Klassenfahrten oder wir organisieren Feiern. Das ist ganz wichtig, damit auch die Kinder merken, dass wir ein Team sind, und dass wir gemeinsame Regeln haben.
NOTH: Man braucht einfach andere Professionen, die einem helfen, und die auch mal andere Anstöße geben.
SCHACH: Ja, auch als positives Vorbild! Uns hilft eine Bürgerarbeiterin in den Klassen fünf und sechs. Sie unterstützt uns auch bei der Aufsicht, und das ist eine große Entlastung. Die Sozialarbeiterin wurde uns leider gestrichen, da war die Zusammenarbeit auch ganz toll. Im Ganztag müssen letztlich alle an einem Strang ziehen, auch die Eltern.
RICHTER: Der Vorteil am Nachmittag ist, dass wir die Eltern auch zwischendurch mal treffen und ihnen ein kurzes Feedback geben können. Oder man kommt einfach mal so miteinander ins Gespräch, auch über Organisatorisches, und lernt sich ganz anders kennen.
Verändert sich der Kontakt zu den Eltern auch durch ein Logbuch?
NOTH: Seit wir das Logbuch einsetzen, findet wöchentlich ein Austausch zwischen Lehrern und Eltern statt. Der Kontakt mit den Eltern wird dadurch zwangsläufig besser. Es werden Zielvereinbarungen getroffen, und so kann auch besser individuell gefördert werden. Und die Schülerinnen und Schüler müssen nach jeder Stunde reflektieren, was sie getan haben. Momentan versuchen wir gerade, die eigene Kompetenzeinschätzung der Schüler noch besser hinzubekommen. Unser Logbuch verändert sich stetig, und auch wir als Lehrer lernen kontinuierlich dazu.
SCHACH: Man muss vieles ausprobieren, damit der Ganztag so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Zum Beispiel hatten wir in der langen Pause nach dem zweiten Block anfangs verschiedene Bastelangebote gemacht. Die wurden gar nicht angenommen. Unsere Schüler sind sehr sportlich. Fußball steht ganz hoch im Kurs, zumindest bei den Jungen. Die meisten Mädchen wollen sich lieber in irgendwelche Ecken zurückziehen, wo sie ungestört sind und sich austauschen können. Daraufhin muss man natürlich reagieren und das Angebot umstellen.

 

Welche Rolle spielen außerschulische Lernorte?

 

SCHACH: Eine ganz große. Wir haben verschiedene Kooperationen, zum Beispiel mit dem Schloss Altenburg. In diesem Jahr haben wir die wissenschaftliche Arbeit in den Vordergrund gestellt und uns die Bibliothek angeschaut und das Stadtarchiv. Oder wir versuchen, unsere Sechstklässler so fit zu machen, dass sie Erstklässlern eine Ausstellung im Museum zeigen können. Die Möglichkeit, die Schule mal zu verlassen und an anderen Orten zu lernen, finde ich ganz wichtig. Da lernt man andere Leute kennen, andere Professionen, eine andere Gesprächskultur.

 

Ist das im offenen Ganztag auch möglich?

 

RICHTER: Auf jeden Fall. Ich war mit meinem Mädchenclub gerade bei einer Lesung. Wir gehen aber auch ins Museum, ins grüne Klassenzimmer des Erfurter Garten-und Freizeitparks, in den Zoo oder ins Puppentheater. Besonders in den Ferien sind wir natürlich viel unterwegs.

 

Welche Vorteile hat der ganztägige Unterricht für Ihre Schülerinnen und Schüler?

 

RICHTER: Jeder kann seine Stärken ein bisschen besser ausspielen. Die Kinder entscheiden, was ihnen liegt und was sie wann machen möchten. Wir können im Freizeitbereich verschiedene Angebote machen und die Kinder wählen aus, wann oder ob sie etwas nutzen möchten. Es ist nicht die ganze Gruppe gezwungen, an ein und demselben Angebot teilzunehmen. Dass den Kindern die offene Arbeit gefällt, sehen wir ja an den Anmeldezahlen. Von Jahr zu Jahr wollen mehr Kinder auch nach Schulschluss im Hort bleiben und die vielfältigen Angebote nutzen.
SCHACH: Ich beobachte, dass der Ganztag gerade schüchternen, unauffälligen Schülerinnen und Schülern gut tut. Die hatten auf einmal Erfolgserlebnisse: Der eine kann toll Gedichte vortragen, die nächste besonders gut tanzen oder war bei einer Ausstellung aktiv. So haben sie viel Lob und Wertschätzung erhalten, auch wenn vielleicht die Schwäche in Mathe nach wie vor besteht. Das hat dazu geführt, dass sich manche jetzt in relativ kurzer Zeit unglaublich entwickelt haben.

 

Was hat Sie selber überrascht bei der Umstellung auf ganztägigen Unterricht?

 

RICHTER: Wie selbständig unsere Kinder sind! Wie gut sie mit der offenen Arbeit klar kommen, wie schnell sie sich zurechtfinden. Sie holen sich ihr Essen mittags selber an der Theke ab, sie bewegen sich alleine im Schulhaus – ich dachte, das gibt das totale Chaos, aber alles funktioniert.
NOTH: Auch unseren Kindern gefällt das einfach! Sie kommen gern und bleiben auch gern länger. Denen, die nicht den Schulbus nehmen, muss man manchmal wirklich sagen: „Es ist jetzt 15.30 Uhr, wir müssen jetzt den Schulhof zuschließen.“ Auch das Feedback der Eltern ist sehr positiv, wir haben Zustimmungsquoten von bis zu 80 Prozent. Unsere Schülerzahl hat sich fast verdoppelt.

Interview: Beate Köhne, freie Journalistin, Berlin

 

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