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Schülerinnen und Schüler sollten wissen in welchem Raum sie gerade sind
1. Fortbildungsmodul 2010 über Selbstwirksamkeitsförderung im Unterricht mit Univ. Prof. Dr. Matthias Jerusalem von der Humboldt-Universität zu Berlin

Friedrichroda, 15. Februar 2010. Lehrerinnen und Lehrer planen in ihrem Unterricht Übungsphasen und wollen auch hierdurch ihre Schülerinnen und Schüler auf Leistungskontrollen, Tests und Klausuren vorbereiten. Befragungen hingegen ergaben: Schülerinnen und Schülern ist oft nicht bewusst, wann sie stressfrei lernen dürfen.Sie sollen genau wissen, wann sie sich im „Lernraum“ und wann sie sich im „Leistungsraum“ befinden,
Univ. Prof. Dr. Matthias Jerusalem
Das war eine Botschaft von Prof. Jerusalem in der Fortbildung für Pädagoginnen und Pädagogen von Ganztagsschulen.Das Schaffen von Lernräumen und Transparenz reduziert Stress und erhöht die Effizienz der Vorbereitung auf Anforderungen.
Selbstwirksamkeit kennzeichnet die persönliche Überzeugung, schwierige Anforderungen aus eigener Kraft meistern zu können.
 
„Davon profitieren Lernen und Leistung, Erfolgswahrscheinlichkeit und Selbstwirksamkeit“, so Jerusalem.
Lernräume sind benotungsfreie Räume, jedoch nicht diagnosefrei. Pädagogen betonen in ihnen mehr individuelle Lernzuwächse der Schülerinnen und Schüler. Der Zusammenhang zwischen Anstrengung und Leistung wird erkannt. Der Erfolg hat für den einzelnen Schüler somit variable Ursachen wie Anstrengung und Entwicklungspotenzial. Das ist die individuelle Bezugsnormorientierung im Gegensatz zu sozialen Bezugsnormen mit mehr Wettbewerb (siehe Kasten). Im Lernraumen soll sich ein Schüler mehr die Frage stellen: „Wie kann ich meine Fähigkeiten erhöhen?“ statt „Wie kann ich meine Fähigkeiten zeigen und meine Schwächen verbergen?“ (siehe Kasten Lernziele und Leistungsziele) Nach Prof. Jerusalem steigern Schülerinnen und Schüler so durch Erfolgserfahrungen ihre Selbstwirksamkeit. Durch Misserfolge wird das Gegenteil erreicht. „Das heißt nicht, dass in der Schule Leistung keine wichtige Rolle mehr spielt“, betont Jerusalem. Erreichbare Erfolge, Nah- und Teilziele motivieren zur Anstrengung und mindern das Risiko zum Aufgeben. In den Workshops erarbeitete Unterrichtsstrategien helfen Schülern Erfolge zu erleben und fördern so Selbstwirksamkeit.
Soziale Bezugsnormorientierung (verstärkt in Leistungsräumen)
- betont stabile Ursachen
  (Begabung), langfristige
  Erwartung
- klasseninternes  Bezugs-
  system (mehr Wettbewerb)
- Leistungsschwäche wird
  besonders deutlich
- Über- und Unterforderung
  durch Angebotsgleichheit
- Fehlbeurteilung der
  Fähigkeiten von Schülern
 
Individuelle Bezugsnormorientierung (vorherrschend in Lernräumen)
- betont variable Ursachen, 
  kurzfristige Erwartungen 
  (Anstrengung, 
  Entwicklungspotential)
- klarer Zusammenhang
  von  Anstrengung und 
  Leistung
- Lernzuwachs erlebbar - 
  optimistische Ein-
  schätzung von Leistungs-
  entwicklung und 
  Leistungspotential
- höhere Selbstwirksamkeit
- mehr Motivation
Leistungsziele
Bestreben: positive Bewertung eigener Fähigkeit durch andere Person erhalten bzw. negative Beurteilung vermeiden Frage: Wie kann ich am besten meine Fähigkeiten zeigen und meine Schwächen verbergen?
Annahme: Stabilitätstheorie von Fähigkeiten =Fähigkeit ist ein stabiles, eher unkontrollierbares Merkmal
Lernziele
Bestreben: eigene Begabungen und Fähigkeit steigern bzw. neue Fähigkeiten und Fertigkeiten hinzugewinnen
Frage: Wie kann ich am besten meine Fähigkeiten erhöhen?
Annahme: Zuwachstheorie Fähigkeiten= Fähigkeit ist ein kontrollierbares, durch Übung und Anstrengung steigerbares Merkmal
Ein Teilnehmer schrieb: „Anregungen für eigenen Unterricht wurden gegeben. Ich wurde zur kritischen Betrachtungen von Lehrformen angeregt.“ Im Vortrag zeigte Prof. Jerusalem, wie Schülerinnen und Schüler ihre Fortschritte erleben können. So sollen Anforderungen gestellt werden, die herausfordernd, transparent und zu bewältigen sind. Ermutigung und Anerkennung sind genauso wichtig wie häufige Rückmeldung und die Bewertung von individuellen Fortschritten. 
Workshopphase I: Lernräume gestalten
Erfolgeserlebnisse haben Schüler/Innen auch beim selbstbestimmten Lernen. Dabei sind erkennbare und erreichbare Ziele wichtig.
Jerusalem meint Kinder und Jugendliche sollten in der Schule auch Fehler machen können: „Wer keine Fehler machen will, geht kein Risiko ein. Wer kein Risiko eingeht, hat einen begrenzten Erfolgsraum.“ In einem Workshop sammelten die Teilnehmer/Innen Möglichkeiten, Schülern diese Lernräume zu verdeutlichen. Sie entwickelten außerdem Strategien, damit sich Schüler/Innen im Lernraum nicht zurücklehnen. Da im Lernraum Noten vermieden werden müssen, fanden die Teilnehmer andere Möglichkeiten der Reaktion und Rückmeldung bei Erfolg und Misserfolg der Schüler.
„Lernziele führen mittel- und langfristig zu höheren Leistungen als Leistungsziele.“, sagt Prof. Jerusalem. Denn Lernzielorientierte suchen stärker die Herausforderung, sind stärker auf Lernfortschritte orientiert, vergrößern bei Schwierigkeiten eher die Anstrengung und sind dabei auf Erreichtes stolz.
Eine vorgestellte Studie zeigt: Schülerinnen und Schülern fühlen sich in einem
Workshopphase I: Kooperatives Lernen
schlechteren Klassenklima häufiger hilflos. Daher sollte das Klassenklima thematisiert und diagnostiziert werden. Regeln helfen, wenn alle deren Sinn verstehen und diese einhalten wollen und auch können. Wirksame Regeln zeigen konkret erwartetes Verhalten an und sind positiv formuliert.
Kooperatives Lernen fördert ebenfalls ein gutes Sozialklima, soziale Kompetenzen sowie die soziale Selbstwirksamkeit. Schüler sammeln bei der interaktiven Auseinandersetzung Erfolgserfahrungen und ermutigen sich gegenseitig. „Gruppenarbeit ist noch kein kooperatives Lernen“, hob Prof. Jerusalem hervor. Lernen in einer Gruppe ist dann kooperativ, wenn verschiedene Personen gemeinsame Lernziele verfolgen. Dabei muss das Ergebnis des Einzelnen vom Handeln der anderen abhängen und mitbestimmt werden. Im zweiten Workshop des Fortbildungstages lernten die Teilnehmer im Gruppenpuzzle selbst kooperativ. Das Thema war „Kooperatives Lernen“.
Ines Opolka, Leiterin DKJS Regionalstelle Thüringen
Feedback, Ines Opolka, Leiterin der Serviceagentur "Ganztägig Lernen" Thüringen
Selbstwirksamkeitsförderung ist wichtiges Anliegen in einer entwickelten Lernkultur. Auch deshalb gibt es an vielen Ganztagsschulen zusätzlich gemeinsame „Lernzeiten“ beziehungsweise „Lernräume“ und weniger Hausaufgaben. Auch bei den nächsten Fortbildungsmodulen der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ widmen sich die Teilnehmer aktiv Konzepten für die Gestaltung von Lern- und Leistungsräumen. Ein Teilnehmer/ eine Teilnehmerin schrieb uns als Feedback zum Workshop: „Die Eigenerfahrung war wichtig und anschaulich!“
 
Ray Wille

Portal Ganztaegig-lernen.de